Jeder der schon mal versucht hat anhand alter Fechtbücher die Fechtweisen vergangener Zeiten nachzuempfinden, kennt die damit verbundenen Probleme.
Die Schrift ist manchmal schwer zu entziffern. Man ist der Sprache nicht mächtig oder man kennt viele Ausdrücke nicht. Die Abbildungen sind mehrdeutig. Es werden nur Standbilder gezeigt, aber der Weg wie die Fechter in eine bestimmte Situation gekommen sind bleibt unbekannt.
Je älter das Fechtbuch, desto schwieriger ist es meist. Auch weil die Art und Weise der bildlichen Darstellung, der Proportionen und Bewegungsabläufe, sowie das, was man wohl künstlerische Freiheit und Zugeständnisse an den Zeitgeschmack nennen kann, sich sehr von dem unterscheiden was wir heute gewohnt sind.
Es gab Zeiten, in denen legte man auf sehr realistische Darstellungen wert, in anderen Zeiten war die Darstellung mehr symbolisch oder zeigte starke Anpassungen an die damals gültigen Regeln für Illustrationen.
Weiterhin ist der Kontext eines Fechtbuches zu beachten. Hat hier ein Fechtlehrer für sich selbst oder für Fechtlehrerkollegen oder für fortgeschrittene Schüler Notizen gemacht? Oder wollte hier jemand seine eigene Theorie veröffentlichen, um sich damit eine Art literarisches Denkmal zu setzen? Oder handelt es sich um eine Anleitung zum Selbststudium, was wohl in den seltensten Fällen zutrifft?
Auf jeden Fall wird in den meisten Fechtbüchern sehr viel Wissen beim Leser vorausgesetzt, daß wir heute nicht mehr genau rekonstruieren können. Vieles wird als selbstverständlich bekannt angesehen oder man ging davon aus, daß es in der Praxis vorgemacht wird und nicht durch das Buch zu erlernen ist. Diese fehlenden Teile machen die Rekonstruktion historischer Fechtweisen so schwierig, weil einfach sehr viel Wissen verloren gegangen ist.
Was hilft, ist mit Sicherheit die fundierte Kenntnis anderer Kampfkünste, denn es gibt universelle Prinzipien des Kampfes. Erfahrung im Umgang mit diversen Waffen ermöglicht schon eine solide Beurteilung von dem was als Kampftechnik geht und was nicht geht.
Weiterhin sollte man unbedingt die aktuellen Fechtweisen kennen, denn sie stammen von den alten Fechtweisen ab, sind Weiterentwicklungen davon.
Der Austausch mit anderen, der Vergleich, das Gespräch und die Bereitschaft, eigene Ergebnisse immer wieder einer Überprüfung zu unterziehen, sollten selbstverständlich sein.